05 – Fernandas Geschichte

Ich bin, wie du schon weißt, Filipina. 1964 wurde ich in Malolos, eine Autostunde nördlich von Manila, geboren. Meine Mutter starb bei der Geburt, meinen Vater habe ich nie kennengelernt. So kam es, dass ich schon als Säugling den Wohltaten der katholischen Kirche ausgesetzt war.

Fernanda lachte bitter.

Als Kind wurde ich von den Nonnen lediglich durch idiotische Regeln drangsaliert. Mit 13, als dann meine Titten und mein Hirn sich entwickelten, änderte sich das. Beides konnten diese alten Krähen nicht ausstehen. Sehr rasch wandelte sich ihr Verhalten von nur nervig zu bösartig. Sie waren eifersüchtig auf meine erwachende Sexualität und auch auf die Freiheit im Denken, zu der ich mehr und mehr drängte. Vielleicht hatten sie auch einfach Angst; Angst vor der Einsicht, dass das unmenschliche Opfer, das sie sich von ihrer Religion haben aufzwingen lassen, sinnlos war.

Ich war der offensichtliche Beweis dafür. Ich brauchte es gar nicht darauf anzulegen, provokativ aufzutreten, ich provozierte durch meine bloße Erscheinung. Das ließen mich die widerlichen Kreuzspinnen bei jeder Gelegenheit spüren. Sie quälten mich, wo sie nur konnten. Obwohl sie ansonsten intellektuell eher dürftig ausgestattet waren, entwickelten sie hinsichtlich ihres Sadismus eine bemerkenswerte Fantasie. Vielleicht aber wiederholten sie nur die Schikanen, mit denen sie in ihrer Jugend gebrochen worden waren.

Mich brachen diese Hexen nicht. Sie erreichten das genaue Gegenteil. Mein Widerstand wurde durch ihre Quälereien gestählt, mein Intellekt geschärft.

Nach zwei Jahren Tortur gaben sie auf und schickten mich zu einer besonderen Einrichtung, wie es die Oberin mit fiesem Grinsen erklärte. Pater Pio ist von unserem Herrn mit der Gabe gesegnet, mit derartig verdorbenen Sünderinnen wie mit Dir umzugehen. Der Herr sei Dir gnädig.

Mir wurde rasch klar, mit welcher besonderen Gabe Pio vom Herrn gesegnet war. Kaum war ich in der besonderen Einrichtung angekommen, kommandierte man mich in sein Zimmer.

Der ehrwürdige Pater thronte mit breiten Beinen auf einem Samtsessel. Die schwarze Soutane spannte über seinem fetten Bauch, der sich zwischen die massigen Oberschenkel drängte. Aus dem feisten Gesicht blickten träge blassblaue, dunkelrot geäderte Augen mit riesigen Tränensäcken. Ich konnte sein Alter nicht einschätzen – aus meiner Perspektive wirkte er uralt, keineswegs aber wie ein gütiger Großvater. Er war mir schon auf den ersten Blick zutiefst unsympathisch.

Hier herrschen andere Regeln, mein Täubchen, säuselte er mit unnatürlich hoher Stimme. Du wirst bedingungslos gehorchen. Als Erstes werde ich deinen Gehorsam testen. Zieh dich aus.

Ich war nie sonderlich schamhaft – einer der Gründe, warum die Nonnen mich verabscheuten. Ich entkleidete mich also bis zum Unterzeug.

Zieh dich ganz aus, verlangte er. Als ich schließlich nackt vor ihm stand, befahl er: Jetzt knie dich hin. Ächzend erhob er sich und raffte sein Gewand. Darunter war auch er nackt. Du wirst jetzt den heiligen Zepter begrüßen. Du darfst ihn küssen.

Ich sprang auf, schnappte meine Sachen und rannte aus dem Zimmer. Als ich mich im Flur hastig anzog, wurde ich von hinten angestupst.

Wollte die fette Sau, dass du seinen Schwanz in den Mund nimmst?, fragte mich ein Mädchen in meinem Alter. Das verlangt er von allen. Besser, du gehorchst ihm. Er macht dir sonst das Leben zur Hölle. Und glaub mir: Es ist sinnlos, sich zu beschweren. Jeder weiß, was los ist. Niemand wird dir helfen. Die stecken alle unter einer heiligen Decke, diese Heuchler. Ich heiße Maria. Sie reichte mir ihre Hand.

Na ja, wir wurden Freundinnen – enge Freundinnen. Ohne Maria hätte ich diese Zeit nicht überstanden.

Unser Verhältnis blieb nicht geheim. Pio entlockte uns Einzelheiten in einer erzwungenen Beichte, die er jede Woche, bei Bedarf auch häufiger anordnete. Maria und ich mussten als besonders verkommene Sünderinnen häufig bei ihm erscheinen – gemeinsam.

Er wollte genau wissen, was wir trieben, wollte zusehen, wie wir masturbierten. Dabei rubbelte er sich den heiligen Zepter. Das war uns viel lieber, als das ekelhafte Ding zu lutschen. Es duftete wahrhaftig nicht nach Weihrauch, sondern stank wie eine höllische Schwefelküche.

Er stand ohnehin nicht wirklich auf 15 Jahre alte Mädchen, sondern viel mehr auf unter 10 Jahre alte Jungen. Die konnten sich noch weniger wehren und entsprachen wohl auch eher seiner eigenen Prägung, die er selbst sehr wahrscheinlich durch seine christlichen Fürsorger als Kind hatte erdulden musste.

Zwei Jahre hatte ich in der besonderen Einrichtung ausgehalten, anhaltend psychisch missbraucht von Pio. Das übrige Personal, durchweg kirchlich, deckte dessen Perversionen durch Verleugnung. Pio war unantastbar … bis Ratten in der Küche auftauchten und sich rasch im ganzen Gebäude verteilten.

Nicht, dass die Ratten Pio direkt geschadet hätten, war der ehr-würdige Pater mit diesen Tieren doch seelenverwandt.

Vielmehr ereilte ihn das gleiche Schicksal wie seine Artgenossen: Er krepierte elend und unter Krämpfen. Seine widerliche Fistelstimme war in allen Räumen zu hören. Stundenlang schrie er, immer wieder unterbrochen von Wimmern. Nichts mehr von seiner Selbstherrlichkeit und Arroganz klang in seinem Jammern durch, sondern nur noch Selbstmitleid und nackte Angst. Trotzdem lehnte er jede ärztliche Behandlung ab.

Es war offensichtlich, dass ihm Rattengift untergeschoben worden war. Genauso offensichtlich war, dass 17 Personen ein mehr als hinreichendes Motiv hatten – so viele Kinder und Jugendliche unterstanden seiner Fürsorge. Nicht einer von ihnen war traurig, ihren Peiniger nun selbst leidend zu erleben. Im Gegenteil: Wir alle waren begierig, einen Blick durch das Schlüsselloch oder durch nicht ganz zugezogene Gardinen auf ihn zu erhaschen. Auch ich hatte das Vergnügen, ihn verkrümmt auf dem Boden liegen zu sehen.

Nach drei Tagen und zwei Nächten hatte er es schließlich geschafft. Wir wurden alle in die hauseigene Kapelle beordert, wo der fette Leib der Leiche beidseitig über die Bahre quoll. Drum rum der übliche Pomp mit Kerzen, Blumen, Weihrauch.

Wie hatten wir alle uns auf diesen Moment gefreut! Und wir alle hatten uns vorbereitet. Kaum waren wir versammelt, begannen wir selbständig mit jubelnden Stimmen zu singen:

All our sickness, all our sorrows
Jesus carried up the hill
He has walked this path before us
He is walking with us still

Turning tragedy to triumph
Turning agony to praise
There is blessing in the battle
So take heart and stand amazed

Dieser Choral, Rejoice, Frohlocken, schockierte die anwesenden Geistlichen derartig, dass sie nicht fähig waren, einzuschreiten. Nicht nur wir Gefolterten wussten, was unser Gesang bedeutete – jedem war klar, wer da endlich verreckt war. Das entsetzte diese Heuchler aber nicht, sondern die Tatsache, dass wir uns wehrten. Dass wir dabei noch einen Choral veralberten, erschien ihnen der Gipfel der Lästerung.

Der neue Leiter der Anstalt bekam bald heraus, dass Maria und ich Rädelsführer dieser Ungeheuerlichkeit waren. Er legte uns dringend nahe, die heilige Stätte zu verlassen, da wir auch nicht den Ansatz von Schuldbewusstsein oder gar Zerknirschung zeigten.

In der Tat: Ich bereute und bereue nichts – ich würde es noch einmal tun, wenn ich diesem Verbrecher selbst das Rattengift gegeben hätte. Er hat nur einen Bruchteil des Leides erfahren, das er vielen Kindern angetan hat. Sicher: Auch er war Opfer eines unmenschlichen Systems, der Kirche nämlich. Das berechtigte ihn aber nicht, die selbst erfahrenen Erniedrigungen zigmal multipliziert weiterzugeben.

Es traf sich sehr gut, dass eine frühere Leidensgenossin bereits bei dem Philippine Daily Inquirer in Manila arbeitete. Sie hatte ihrem Chef von den Zuständen im katholischen Internat und auch von uns erzählt. Das verschaffte Maria und mir eine bezahlte Praktikumsstelle.

Maria hielt es nicht lange dort und wir verloren uns leider aus den Augen. Verbunden hat uns das gemeinsame Leiden unter dem Sadismus der katholischen Kirche. Als das wegfiel, hatten wir kaum noch Gemeinsamkeiten. Sicherlich: Die Erlebnisse mit ihr, auch die sexuellen, waren großartig. Jetzt aber war ich anderwärtig orientiert.

Mich faszinierte der Journalismus. Hier konnte ich ohne dogmatisches Korsett denken. Und später würde ich diese Gedanken sogar auch einem großen Publikum mitteilen können.

Später. … Zunächst war ich Praktikantin. Ich hatte allerdings eine Sonderstellung. Ich war dem schon erwähnten Chef direkt unterstellt. Er war auch ein älterer Herr, Ende 50 (sorry, Max). Aber wie anders war er als Pio! Nichts Hinterhältiges, nichts Schleimiges, Verlogenes, Bigottes. Er war einfach freundlich und aufrichtig. Theo hieß er (ausgerechnet!).

Er war so offen, dass er sogar meine sexuelle Attraktivität ansprach. Du bist wirklich sexy, sagte er einmal, als ich in seinem Büro saß. Du bist aber jünger als meine Töchter. Ich werde Dich niemals anmachen.

Das war eine klare Ansage. Ich war ihm dankbar dafür. Ich kannte das nicht, kannte bösartige Kreuzspinnen und kinderfickende Patres, nicht aber ehrliche Menschen.

Theo öffnete mir auch weitere Perspektiven. Er sprach mit mir über den Katholizismus, über das Christentum und über Religion im Allgemeinen. Er war ein Humanist im besten Sinn.

Absurderweise lernte ich erst von ihm, was Religion, was Christentum ist. Mein Hass war zwar begründet, aber nicht zielführend, wie ich durch ihn erkennen konnte. Christen entlarvt man nicht mit Rattengift, sondern mit Gelächter.

Deswegen, so verstand ich später, war Theo auch so begeistert von meiner Idee des Jubel-Chorals während der letzten Ehrung des Kinderfickers Pio. Das letztlich hatte den Ausschlag für meine Praktikumsstelle gegeben.

Theo sorgte dafür, dass ich die Nachtschule besuchte. Dort holte ich alles das nach, was mir durch die Kirche vorenthalten worden war. Das betraf vor allem die Naturwissenschaften. Ich schaffte mit Leichtigkeit meinen Highschool Abschluss.

Was Geisteswissenschaften angeht, so erhielt ich bei Theo Privatunterricht. Durch ihn wurde ich mit der Aufklärung und mit dem Humanismus bekannt gemacht. Durch ihn lernte ich, dass es noch andere Richtlinien gibt als die christliche Moral. Vor allem zeigte er mir die Abgründe der christlichen Religion.

Im Gegenzug berichtete ich ihm über meine Zeit unter der Obhut der Nonnen und Priester. Das gab mir die Gelegenheit, diese Dinge mit neuer Perspektive zu sehen. Ich lernte, dass ich es nicht nur mit Perversionen einzelner zu tun hatte, sondern dass hier ein Jahrhunderte altes, ausgeklügeltes System der Unterdrückung verwirklicht wurde.

Als ich den Fängen von Pater Pio und dessen Mittätern entkommen war, hatte ich mir eigentlich vorgestellt, nie wieder etwas mit Religion zu tun zu haben. Theo belehrte mich eines Besseren: Man muss seinen Feind kennen, um ihn zu durchschauen und schließlich zu bekämpfen.

In der Zeitung machte ich ebenfalls gute Fortschritte. Nach meinem High-School Abschluss bekam ich eine feste Anstellung als Redaktionsmitarbeiterin im Ressort Sport. Hierdurch wurden meine Interessen auch in dieser Richtung geweckt. Ich versuchte mich in vielen Sportarten. Im Taekwondo erreichte ich sogar den 1. Kup, das ist eine Graduierung vor dem 1. Dan, also dem schwarzen Gürtel. Meine große Leidenschaft aber war das Segeln.

Theo besaß ein kleines Segelschiff, einen Contender, um genau zu sein. Das ist eine Jolle, ungefähr fünf Meter lang und anderthalb Meter breit, mit nur einem Segel. Ich konnte es allein segeln, was ich gern und ausgiebig tat. Theo brachte mir auch hier viel bei. Er hatte große Erfahrung, hatte aber keine Lust mehr am sportlichen Segeln. Später dann überließ er mir das Schiff komplett. Ich hatte es bereits zu einer gewissen Könnerschaft gebracht.

Nicht selten war ich tagelang unterwegs. Ich verließ dann die Manila Bay und wagte mich weit auf das Südchinesische Meer hinaus. Ich liebte es, allein mit Wasser und Wind zu sein.

Fernanda senkte ihre Stimme. Ich war, das kann ich ohne Einschränkung sagen, glücklich mit meiner Situation.

Das änderte sich grundlegend, als Theo aus heiterem Himmel an einer Lungenembolie starb. Für mich brach eine Welt zusammen. Aus meinem wohlwollenden Mentor war schon lange eine Vaterfigur geworden. Das wurde mir erst klar, als ich seinen Tod begriff.

Sie sackte in sich zusammen, Tränen liefen über ihr Gesicht. Max legte seinen Arm um sie, was sie dankbar annahm.

Der Rest ist rasch erzählt, fuhr sie nach einer Weile fort. Auch Theo empfand unser Verhältnis offensichtlich als Vater-Tochter Verhältnis. Jedenfalls hat er mich als Alleinerbin eingesetzt.

Die Arbeit bei der Zeitung hatte für mich ohne Theo keinen Reiz. Ich musste auch kein Geld verdienen. – Theo war sehr vermögend gewesen. Nach einer ausgedehnten Weltreise bin ich schließlich hier in Berlin gelandet. Ich lebe hier mit einer Freundin zusammen und bemühe mich, jedem Tag mit Neugier und Freude zu begegnen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das ganz in Theos Sinne ist, mutmaßte Max. Ich hoffe, dass Du beides beibehältst: Neugierde und Freude. Für mich selbst bedingen sich beide Begriffe.

Es war sehr schön, mit Dir Kaffee zu trinken und ich danke dir für die Schilderung Deiner Geschichte. Gern würde ich noch mehr hören und ich würde mich auch gern revanchieren, etwa bei einem gemeinsamen Abendessen.

Leider muss ich jetzt aber meine Siebensachen packen. Mein Flugzeug startet in zwei Stunden.

Er überreichte ihr seine Visitenkarte. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es verschlägt mich immer wieder mal nach Berlin. Wenn ich darf, melde ich mich dann bei dir.

Wenn ich darf … äffte Fernanda ihn nach. Selbstverständlich darfst Du. Du musst! Auch sie übergab ihre Karte. Beide erhoben sich und umarmten sich dann länger und fester, als bei einer so kurzen Bekanntschaft zu erwarten. Beide spürten füreinander tiefe Sympathie.