Exkurs:
Kirche

Der geneigte Leser hat fraglos schon mitbekommen, dass ich die abrahamitischen Religionen nicht sonderlich schätze. Von der Religion selbst ist deren soziale Organisationsform, die Kirche nämlich, strikt zu trennen. (Mit die Kirche meine ich hier in erster Linie die diversen christlichen.)

Diese Trennung sehen viele Christen auch: Sie mögen sich von ihrer Religion nicht trennen, sehen ihre Kirche aber sehr kritisch. So habe ich häufig gehört: Der liebe Gott ist ja ganz in Ordnung – aber sein Bodenpersonal geht gar nicht.

Dem ersten Halbsatz stimme ich nicht zu, mit dem zweiten möchte ich mich hier beschäftigen.

Ursprung und weitere Entwicklung

Jesus, so geht die Legende, habe eine Boygroup um sich geschart, seine Jünger nämlich. Die Kirche sieht sich als Nachfolge dieser Gemeinschaft.

Es sprengt den Rahmen dieser Darstellung bei weitem, wenn ich die Kirchengeschichte auch nur umreißen wollte. Wikipedia bietet einen guten Überblick.

Worauf ich hinaus will ist, dass die Kirche ein Zusammenschluss von Menschen war und ist, genau genommen also ein Verein, nicht gewählt oder sonst wie besonders legitimiert.

Kirche als Verein

Ich sehe die Kirche in der Tat als Verein, ähnlich einem Kaninchenzüchterverein.

Selbstverständlich kann ein solcher Verein weitgehend tun und lassen, was immer er will. Er kann sich sogar eigene Gesetze geben, etwa: Jeder bringt am Freitag frische Löwenzahnblätter mit. oder: Am Sonntag erscheint der Vereins-Entertainer in lustigen Klamotten und veranstaltet merkwürdigen Hokuspokus.

Ebenso selbstverständlich ist der Verein an die im Staat geltenden Gesetze gebunden – und zwar sowohl der Verein als Ganzes und als auch die einzelnen Mitglieder. Diese Gesetze haben absoluten Vorrang vor den Vereinsgesetzen.

Ein Beispiel:
Wenn einer der Entertainer sich sexuell an Kindern vergreift, wird er von einem staatlichen Gericht verurteilt – genau wie der Kassenwart der Kaninchenzüchter. Sollte sich herausstellen, dass einzelne Vereinsmitglieder solche Verbrechen vertuschen, um die angemessene Bestrafung des Pädokriminellen zu verhindern, sind die ebenso zu bestrafen. Sollte es Hinweise dafür geben, dass solche Vertuschung gängige Vereinspraxis ist, sollte gar die Wiederholung dieser Verbrechen systematisch in Kauf genommen werden, indem man den Tätern immer wieder Gelegenheit gibt, ihre Perversionen auszuleben und Kinder psychisch zu zerstören, dann ist zu prüfen, ob dieser Verein verboten werden muss.

Verbot der Kirche?

Manch ein Leser mag meinen, dass ich mit meinen Überlegungen zum Verbot der Kirche weit über das Ziel hinausschieße. Ein Kirchenverbot sei aus verschiedenen Gründen nicht zu vertreten. Ich werde einige der Gründe aufgreifen und widerlegen. Freilich: Auch bei sachlich und logisch zwingenden Argumenten ist die Durchsetzung eines Kirchverbots unwahrscheinlich. Der Staat scheitert schon bei weit geringeren Pflichten, wie ich unten darlegen werde. Das bedeutet aber nicht, dass es unsinnig ist, darüber nachzudenken.

Religionsfreiheit ist ein Grundrecht.

Um es noch einmal klarzustellen: Kirche und Religion sind voneinander zu trennen. Ich diskutiere hier das Verbot krimineller Vereine – nicht etwa der Religion. Artikel 4 des Grundgesetzes bestimmt:

  1. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
  2. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Von der Freiheit der Kirchen, Verbrechen zu begehen (oder solche zu vertuschen, was ebenfalls ein Verbrechen ist), von einer solchen Freiheit steht im Grundgesetz nichts.

Jeder mag glauben, woran er will: an die Unbefleckte Empfängnis, daran, dass Schlappohren heilig sind oder an was auch immer. Das ist seine Privatangelegenheit.

Das Bekennen ist schon problematischer: Wer öffentlich bekennt, dass das Aufschlitzen Schwangerer eine auch nur denkbare Option ist, handelt kriminell. Insbesondere sind Kinder vor solchen Bekennern zu schützen, sie dürften schon vom Gefasel von der Hölle bleibenden Schaden nehmen.

Noch einmal: Religion darf nicht ohne zwingende Gründe verboten werden. (Dass der Intellekt sie verbietet, ist nicht zu verhindern.)

Dem Thema Religionsfreiheit mit besonderem Augenmerk auf den Islam habe ich einen eigenen Exkurs gegönnt.

Kirche ist eine alt-ehrwürdige Institution.

Es sei unumwunden zugegeben: Die christlichen Kirchen sind alt. – Wenn auch die Behauptung, schon die Jünger hätten die erste Kirchgemeinde dargestellt und Petrus sei der erste Papst gewesen, nur ein Versuch der Theologen ist, sich besonders deutlich als Nachfolger Christi herauszustellen. Wie auch immer: Alter hat ganz sicher nichts mit ethischer Integrität oder sonstigen Werten zu tun. Solche muss man sich erwerben: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. (Matth. 7,20)

Ehrwürdig aber ist die Kirche nicht ansatzweise. Nicht umsonst umfasst das Lebenswerk des Religions- und Kirchenkritikers Karlheinz Deschner, die Kriminalgeschichte des Christentums 10 Bände und über 5.000 Seiten. Die oben genannte kirchliche Pädokriminalität ist somit bei weitem nicht das einzige Verbrechen, dessen sich die Kirche systematisch schuldig macht. Unter ehrwürdig verstehe ich etwas anderes …

Die Kirche zeigt Reue und gelobt Besserung

Diesen Eindruck versucht sie zu erzeugen. Tatsächlich tut sie nur das, wozu sie gezwungen wird. Sie widersetzt sich einer Aufklärung, wo immer sie kann. – Und sie kann es, weil der Staat sie durch Passivität schützt. Ich nehme den Kirchenoberen ihre Betroffenheit nicht ab. Wirkliche Reue würden diese Herrschaften zeigen, wenn sie alle ihnen bekannten Verbrecher aus ihren Reihen der Justiz übergeben würden – also nicht erst, nachdem ihre Untaten ohnehin (und gegen deren erbitterten Widerstand!) bewiesen wurden.

Die Kirche tut so viel Gutes.

Das glauben viele Menschen und führen beispielsweise Mutter Teresa als Kronzeugin an – ausgerechnet jenen Ghul von Kalkutta (Christopher Hitchens), jene widerwärtige, zynische, monströs sadistische Heilige. Ich habe mich mit dieser Dame an anderer Stelle dieses Textes auseinandergesetzt.

Sehen wir von Einzelpersonen ab. Was ist mit kirchlichen Kindergärten, Schulen, Altenheimen und Krankenhäusern? Der Staat finanziert diese Einrichtungen zu weit über 90 %. Obwohl die Kirche nur einen winzigen Anteil der Kosten übernimmt, bewirkt sie, dass in diesen staatlich bezahlten Einrichtungen systematisch geltendes Recht missachtet wird.

Um ein Beispiel zu nennen: Der Staat lässt zu, dass selbstverständliche arbeitsrechtliche Prinzipien in kirchlichen Betrieben außer Kraft gesetzt werden. Wer etwa einen geschiedenen Partner heiratet, wird oft gekündigt. Auch bei einer zweiten Ehe folgt in katholischen Einrichtungen die Entlassung. – Selbstverständlich dürfte die Kirche auch dann nicht das Gesetz brechen, wenn sie ihre Einrichtungen zu 100 % zahlte. Der jetzige Zustand ist also in mehrfacher Hinsicht ein Skandal.

Sicherlich: Einzelnen Menschen tat die Kirche schon Gutes – das sei hier nicht verschwiegen. Ich zitiere aus meinem Exkurs über Nazi-Bischöfe:

Beispielsweise ermöglichten sie führenden Vertreter des NS-Regimes und Angehörigen der SS die Flucht nach Südamerika, hauptsächlich nach Argentinien, aber auch in Länder der arabischen Welt. Siehe hierzu den Beitrag Rattenlinien in Wikipedia. Die Bezeichnung ist treffend – sowohl für die Fliehenden als auch für ihre ehrwürdigen Helfer.

Die Kirche ist Garant für das Bestehen der abendländischen-christlichen Moral – ohne sie bräche Sodom und Gomorrha, das Chaos aus.

Dem ersten Halbsatz stimme ich vorbehaltlos zu, distanziere mich dabei entschieden von der kirchlichen Moral zugunsten einer rational begründeten Ethik. Diesen wichtigen Unterschied habe ich im Kapitel Moral – eine Perversion der Ethik ausführlich behandelt. Die Funktion der Kirche als Hüterin der von ihr diktierten Moral spricht nicht für, sondern gegen ihren Erhalt. Mit kirchlicher Moral wurden Massenmorde, Scheiterhaufen, Kreuzzüge, Kriege … gerechtfertigt.

Selbstverständlich sind wir in der Lage, ohne kirchliche Gebote ethisch zu handeln. Ob wir mit diesen Geboten dazu in der Lage sind, sei dahingestellt. Näheres dazu siehe Kapitel: Eine Alternative: der evolutionäre Humanismus.

Fazit

Wie ich oben aufzeigte, gibt es gute Gründe, die christliche Kirche zu verbieten: Sie ist ein Verein, der pädokriminellen Verbrechen vieler Mitglieder in Führungsposition durch Leugnung und Vertuschung Vorschub leistet. Wie ich oben schon anführte, gibt es noch eine unüberschaubar große Anzahl weiterer Untaten, derer sich dieser Verein schuldig machte und immer noch macht. Der systematische Mord an der Psyche schutzbefohlener Kinder reicht für die Verbots-Forderung mehr als aus. Einige der denkbaren Gegenargumente habe ich hinreichend klar, wie ich meine, ausgeräumt.

Wie ich oben schon erwähnte, bin ich mir darüber im Klaren, dass unser Staat derartig mit der Kirche verfilzt ist, dass ein Verbot trotz systemimmanenter Verbrechen unwahrscheinlich ist. Dieser Staat drückt sich sogar um einen klaren Auftrag, der ihm vor über 100 Jahren von der Verfassung verbindlich gegeben wurde. Ich meine die

Staatsleistungen

Definition

Mit Staatsleistungen sind Gelder gemeint, die ohne Bindung an ein öffentliches Interesse und nicht zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben gezahlt werden. Sie dienen allein der institutionellen Förderung der Kirchen und werden ihnen ohne Zweckbindung zur freien Verfügung überwiesen. Es geht also nicht um Mittel für kirchliche Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Seniorenheime oder Pflegeeinrichtungen, schon gar nicht um die von den Kirchenmitgliedern gezahlten Kirchensteuern.

Begründet werden diese Zahlungen mit alten und uralten Verpflichtungen, die der damals noch enger mit der Kirche verbundene Staat dieser gegenüber eingegangen ist. Beispielsweise sei der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 genannt. Es wurde ein kleiner Teil kirchlichen Besitzes säkularisiert, die Kirche also diesbezüglich enteignet. Im Ausgleich wurden Gelder versprochen – und zwar open end. Es gibt noch eine Reihe weiterer ähnlicher Verpflichtungen.

Verfassungs-Auftrag

Dass solche unendlichen Verpflichtungen widersinnig sind, erkannten auch die Schöpfer der Reichsverfassung der Weimarer Republik bereits 1919. Im dortigen Artikel 138 Abs. 1 heißt es:

Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. Die Grundsätze hierfür stellt das Reich auf.

Diese Bestimmung wurde den Artikel 140 unseres Grundgesetzes übernommen. Die Weigerung, diesem Verfassungs-Auftrag nachzukommen, hatte 2019 100-jähriges Jubiläum.

Um welche Summen geht es?

Geld

Von 1949 bis 2018 insgesamt 17,9 Milliarden Euro (17.900.000.000 €) gezahlt worden. Über die Zahlungen von 1919 bis 1949 liegen keine Unterlagen vor. Obwohl die Zahl der Kirchenangehörigen sinkt (von rd. 95 % der Bevölkerung im Jahr 1949 auf unter 50 % 2022, Tendenz weiter sinkend), wachsen die Beträge jährlich: 2022 sind es laut Haushaltsplänen 687.508.339 €, davon 354.611.149 € an die evangelische, 247.872.590 € an die katholische Kirche.

Ablösungsentschädigung

Es besteht die Auffassung, dass die Beendigung der Staatsleistungen durch eine Ablösungsentschädigung gegenüber der Kirche ausgeglichen werden müsse.

Meiner Meinung nach ist die angemessene Höhe dieser Entschädigung 0,00 Euro. Begründung: Die seit 1919 gezahlten Staatsleistungen sind unrechtmäßig, sogar verfassungswidrig. Die Kirche hat dieses Geld rückzuerstatten, was sie freilich kaum machen wird. Hilfsweise ist festzustellen, dass die weit über 17,9 Milliarden Euro als Ablösungsentschädigung mehr als ausreichen.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass der Staat noch weit mehr für das finanzielle Wohlergehen der Kirche leistet. So sind Körperschafts- und Grundsteuer für die Kirche ein Fremdwort, während Kirchensteuer sehr wohl ein Thema ist. Letztere wird vom Staat für die Kirche eingezogen. Das und diverse weitere staatliche Wohltaten hat die deutschen Kirchen zu den wohlhabendsten Religionsgemeinschaften weltweit gemacht. Auch hierbei handelt es sich um Leistungen, die meiner Meinung nach sofort abgeschafft werden müssen – schließlich zieht der Staat auch nicht den Vereinsbeitrag für Heilig Schlappohr ein.

Kirchengebäude

Was Kirche im Sinne von Kirchengebäude angeht, schließe ich mich ausnahmsweise der Ansicht eines Papstes an. Nikolaus V mahnte 1455 seine Kardinäle, die Erneuerung Roms weiterzuführen:

Um in den Hirnen der ungebildeten Masse dauerhafte Überzeugungen zu schaffen, muss etwas vorhanden sein, was das Auge anspricht. Ein Glaube, der sich allein auf Doktrinen stützt, kann immer nur schwach und wankend sein. Wenn aber die Autorität des Heiligen Stuhls sichtbar wird in majestätischen Gebäuden […], die von Gott geschaffen scheinen, wird der Glaube wachsen […]